Gewissensbisse
Früher sagte die Religion, was richtig und was falsch war. Nicht nur Klerus und Kirche – vor allem der kleine Engel in uns allen. Später dann riss die Politik die Unterscheidung von gut und böse an sich, zuweilen auch die großen Teufel, was dem Ansehen der Politik nicht gut tat. Also übertrugen wir die ethische Autorität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Geistesgrößen. Wir lauschten Philosophen und Schriftstellern, Historikern und Soziologen, ja selbst Leitartikel großer Zeitungen hatten das Zeug zur Gewissensbildung. Vorbei. Die Deutungsburgen zerfallen.
Heute sagt keiner mehr, was gut und böse ist. Die Moral ist privatisiert. Fragmentiert in Milliarden Gewissenpartikel. Jeder hat seine eigene „Befindlichkeit“, seine Privatethik, seinen Seelen-Blog. Aber eben kaum mehr. Und schon gar nichts Gemeinsames.
Ein Appell des Bundespräsidenten, ein Leitartikel des Spiegel oder der Zeit, eine Rede von Walser oder Grass – einst hatten sie moralische Prägemacht. Heute sind sie Spurenelemente einer zersplitternden Welt aus Infotainment-Scherben, aus Chats und Kundenzeitschriften, aus Jahrmärkten der Information und Desinformation. Es gibt keine Instanzen mehr, es gibt nur noch Downloads.
Doch das Prinzip „Haste mal ne Meinung“ und die Entmachtung durch Fragmentierung betreffen nicht nur Medien. In den Köpfen der Menschen zerfällt der Meinungskanon so rasch wie in der Politik das Parteiensystem. Das eine bedingt sogar das andere. Die gewohnte Fasson politischer Macht, das vereinende Volksparteiensystem zerbröselt zum Vier- zum Fünf- zum Vielparteienstaat. Die Bindekraft großer Gemeinschaftsinstitutionen erodiert allenthalben, von Gewerkschaften bis Kirchen. In einer Welt aus mentalen Ich-AGs ist kein Platz mehr für ein geistiges Wir.
Auf den ersten Blick ist der Zerfall ethischer und politischer Identität gar nicht so schlecht, denn er öffnet der liberalen Bürgergesellschaft eine Welt, in der jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Auf den zweiten Blick aber zahlen wir dafür einen Preis.
Wenn nämlich alles – von der Auswahl der Haarshampoos und Joghurtbecher bis zu fundamentalen Werten und Weltanschauungen – derart fragmentiert, dass die Welt nur noch aus „Angeboten“ besteht, dann wird eine Moral undefinierbar, dann verschwindet die Sittlichkeit gewissermassen im Supermarkt unserer Selbstdefinitionen.
„Das muss jeder mit seinem Gewissen ausmachen“, lautet das Grundgesetz dieser umfassenden Moralindividuation. Der persönliche Gewissensbezug wird zum letzten und einzigen Maßstab in Fragen moralischer Kontingenz. Als ethisches Gemeinschaftsprinzip akzeptieren wir bestenfalls noch die wechselseitige Toleranz. Minimalkonsens: We agree to disagree.
Wenn wir aber nur noch Einzelgewissen haben und das gemeinsame Gewissen schwindet, dann sieht es schlecht aus für die Moral im Allgemeinen und für die Schwachen im Besonderen, denn sie werden vom moralischen Kodex normalerweise beschützt. Die Verabsolutierung des nur persönlichen Gewissens liefert viele jedem aus.
Es kann vielen Einzelgewissen egal sein, dass Menschen in Deutschland neuerdings in der Prekariats-Verelendung versacken, dass Alte menschenunwürdig gepflegt werden oder dass man Menschen klont. Wie aber kommt man zu einem Bewusstsein, dass das trotzdem nicht in Ordnung ist? Über ethische Enquete-Komissionen? Die sind eher ein Alarmsignal als eine Hilfe.
Das neuzeitliche Bürgertum hat lange für Individuation und Freiheit gekämpft, gerade auch für die Freiheit des Gewissens. Aber das Bürgertum wird sich der Frage stellen müssen, was es denn noch zusammenhält jenseits von Aktiendepots und Golfplatzgreens? Braucht es nicht doch archimedische Punkte der ethischen Normierung? Was ist uns eigentlich heilig? Wie erhält unsere Gesellschaft ihre innere Empfindsamkeit für Fehlentwicklung? Das Machbarkeitsverlangen der Vernunft wird nicht hinreichen, ja es birgt eher Gefahren. So kann es für eine Gesellschaft durchaus vernünftig sein, Söldnerkriege zu führen, Kinder abzutreiben, Behinderte wegzusperren oder Menschen in Afrika verhungern zu lassen. Nur – ist es moralisch auch vertretbar? Soll wirklich jeder alles nur mit seinem Gewissen ausmachen?
Einst wurde der Religion eine Pathologie des Glaubens zugeschrieben, der Politik eine Pathologie der Macht vorgeworfen, heute erahnen wir, dass es auch eine Pathologie der Individualisierung und Zerstreuung gibt. Kann man technisch und wirtschaftlich immer weiter aufrüsten und zugleich ethisch abrüsten? Vielleicht sind Moralisten zuweilen Menschen, die sich dort kratzen, wo es andere juckt (Samuel Beckett). Aber ist das besser, als dass es keinen juckt, wenn andere sich kratzen?