Donnerstag, 10. Juli 2008

Gott lacht

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt. Religion ist, wenn man trotzdem stirbt. Was aber ist, wenn man lacht, weil man denkt, dass man stirbt? Religion und Humor sind eigentlich uralte Brüder. Zurzeit aber werden sie getrennt gefangen gehalten, in Kerkern religiöser Fundamentalisten und politisch Korrekter.

Der Streit um dänische Karikaturen, holländische Videos und israelische Witze lässt keinen Zweifel: Der viel beschworene Dialog der Kulturen ist von einem bitteren, verklemmten Ernst geprägt. Unter dem Signum „Verletzung religiöser Gefühle“ werden die Freiheitsräume künstlerischer und journalistischer Ausdrucksformen Monat für Monat enger gemacht. Wenn nun aber die Kritikaster unserer Tage keine Spiegel mehr hochhalten dürfen, dann droht eine schleichende Rückkehr von Denk-, Rede- und Lachverboten, letztlich ein Triumph totalitärer Haltungen. Eine Religion und eine Kultur, die das Lachen und die Kritik nicht mehr ertragen können, verlieren ihre Integrität.

Dabei geht es nicht bloß um einen Paragrafen der Presse- oder Kunstfreiheit. Es geht um unser Selbstbild. Denn im Kategorienwechsel des Witzes liegt seit jeher die „Signatur des Transzendenten“ (Peter Berger). Man erkennt zuweilen den existenziellen Charakter des Humors (Ephraim Kishon: „Man kann nur als Satiriker überleben. Das Leben ist von Grund auf absurd“) oder den humoristischen Charakter der Existenz (für Friedrich Dürrenmatt barg die Begegnung zwischen Gott und Mensch eine Fülle von Missverständnissen, „darin liegt eine Menge herrlichster Komik“). Oft wirkt die Tröstung des Humors wie eine uralte Melodie. Bei Dietrich Bonhoeffer etwa, der aus dem Gefängnis schrieb, dass Humor den christlichen Glauben in der Not wässere wie eine Blume. Alfred Delp, ein katholischer Priester, der ebenfalls von den Nazis hingerichtet wurde, machte auf dem Weg zur Hinrichtung in der besten Tradition des christlichen Martyriums einen Scherz: Er fragte den ihn begleitenden Pfarrer nach den letzten Neuigkeiten von der Front und sagte dann: „In einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie.“

Jedenfalls entzieht der Humor den Menschen für eine Weile dem Diktat der Macht und öffnet ihm ein spezielles Terrain der Freiheit. Darum kann bekanntlich die Komik der öffentlichen Ordnung – vor allem in Diktaturen – gefährlich werden. Ein guter Witz, eine gute Karikatur entlarven Machthaber unmittelbarer als gelehrte Schriften, sagen mitunter mehr über die gesellschaftliche Realität aus als sozialwissenschaftliche Abhandlungen. „Gott aber lachte“, unter diesem Titel hielt der Jesuit Mario von Galli 1935 legendäre Predigten im Dritten Reich. Die Nazis erteilten ihm Redeverbot, Galli floh ins Schweizer Exil und predigte weiter – frohgemut. Schließlich habe Jesus keine Drohbotschaft verkündet, sondern „die Frohbotschaft“ schlechthin. Er reiht sich damit in eine uralte christliche Tradition ein, wonach im Humor die Nachklänge des Paradieses geblieben seien. „Lacht!“, forderte auch Karl Rahner, „denn dieses Lachen ist ein Bekenntnis, dass ihr Menschen seid.“ Helmut Thielicke meint gar: „Der christliche Humor lebt nicht von einer selbst errungenen Distanz zur Welt, aus der er das Weltgetriebe zu belächeln vermag, sondern er lebt von einer Botschaft, in deren Namen er zur Freiheit des Lächelns ermächtigt ist.“

Man muss nicht so weit gehen wie Kierkegaard, der im Humor die letzte essenzielle Stufe vor dem Glauben erkannte. Aber die systematische Nähe der Komik zur religiösen Sphäre könnte im 21. Jahrhundert noch wichtig werden. Denn im Kampf der Kulturen geht es zutiefst um just die Frage, wer zuletzt lacht. In der griechischen Götterwelt, in der jüdischen Kulturtradition, im christlichen Osterlachen ist der Humor identitätsstiftend. Vom homerischen, dem unauslöschlichen Lachen bis zu den Scherzen des Zeus zieht sich die Spur des Komischen durch unsere ältesten Erzählungen. Ein Grundmotiv der religiösen Selbstdefinition ist das Bild vom lachenden Zuschauer Zeus, vor dem das Menschengeschlecht eine ewige Komödie spielt.
Die Aufklärung und Liberalität des Westens basiert daher auf der Fähigkeit, über sich selber lachen zu können. Für die jüdisch-christliche Kultur ist der Humor eine Seelenhaltung der Überwindung. Die Überwindung besteht darin, dass er die Welt relativiert, ohne sie zu verachten. Gerade die Sicherheit in der Differenzierung zwischen Letztem und Vorletztem zeichnet das Abendland aus. Darum, liebe Karikaturisten, zeichnet fröhlich weiter. Wir wollen lachen und lachen lassen.